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Belletristik

 

 

 
     

Beutler Maja

Ich lebe schon lange heute

Texte 1973 bis 2013

Erstausgabe 2013, geb., SU, 13 x 21 cm, 392 S.

ISBN 978-3-7296-0870-2
CHF 36.00 / EUR 30.00


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> Leseprobe / Inhaltsverzeichnis

 

Es ist ein spannender Rundblick auf ein Werk, das in den vergangenen Jahren als Beitrag zur weiblichen Literatur der Schweiz gewürdigt worden ist. Aber Maja Beutler kann auf einen Nachruf zu Lebzeiten verzichten, in ihr ist noch eine gehörige Portion Vitalität. Mithilfe der Literatur hat sich diese Schriftstellerin seit ihren Anfängen immer wieder «ins Leben gestürzt». Für sie gilt weiterhin, was sie vor fast 30 Jahren geschrieben hat: «Wenn ich schreibe, zettle ich jedenfalls Widerstand an – da bin ich ganz sicher.» «Ich lebe schon lange heute» bietet einen Querschnitt durch ihr Schaffen. Er kann als Zwischenbilanz gelesen und als Signal des erneuten Aufbruchs verstanden werden. Und er ermöglicht, eine Erfahrung zu machen, die Elias Canetti einst so auf den Punkt gebracht hat: «Es steht nicht immer dasselbe in einem Buch.»

Alexander Sury

 


Sie begann erst mit vierzig, als Mutter dreier Kinder, Bücher zu publizieren, die am 8. Dezember 1936 in Bern geborene Maja Beutler, die zuvor als Unesco-Dolmetscherin die Welt und als Druckerei-Leiterin den Arbeitsalltag kennengelernt hatte. Anders als Laure Wyss oder Verena Stefan, die zeitgleich mit ihr debütierten, schrieb sie von Anfang an keine Frauenliteratur. Weder in ihrem kafkaesken Erstling ‹Flissingen fehlt auf der Karte› (1976), dessen Titelgeschichte eine der hintergründigsten Annäherungen an den Holocaust ist, noch im ersten Roman, ‹Fuss fassen› (1989), dieser erschütternden Auseinandersetzung mit der Krebskrankheit, die ihr 1976 erstmals den Tod vor Augen geführt hatte. In alles, was sie publizierte, brachte Maja Beutler, ohne je indiskret zu werden oder ihrer Erfindungsgabe Zügel anzulegen, rückhaltlos sich selbst ein. Soll man es bedauern, dass Maja Beutler nicht mit Büchern wie diesem, die ihren Rang innerhalb der neueren Schweizer Literatur bezeugen, sondern mit jenen einfachen, unmittelbar ansprechenden Kurzbeiträgen am meisten Echo fand, die sie, als ihre Stimme es noch erlaubte, auf Berndeutsch im Radio vortrug? Bestimmt nicht, kommt doch gerade in den bescheidenen Radio-Auftritten dieser vielseitigen Dichterin ihre Fähigkeit, auf den Menschen zuzugehen und ihm aus leidvollem eigenen Erleben heraus Wesentliches über sich selbst zu sagen, am allerschönsten zum tragen: ‹Heit Dihr o mängisch schwär, wül ds Läbe ke Usnahm wott mache für Nech?›
Charles Linsmayer, Sonntag


Der Band «Ich lebe schon lange heute» versammelt bekannte und bisher nicht publizierte Texte der Berner Schriftstellerin Maja Beutler aus vierzig Jahren. Alle regen zum Nachdenken an.
«Ich lebe schon lange heute, Signora» sagt der krebskranke Schneidermeister Giuseppe Pedroni zur Autorin im Wartezimmer zur Strahlentherapie. Und ermuntert sie: «Morgen ist noch nicht da, aber heute willst du ein Mensch sein, heute bleibst du aufrecht, so gut es eben geht.» In langen Gesprächen mit ihrem weisen Leidensgenossen setzt sie sich auseinander mit Schmerz, Angst, Widerstand, Hoffnung.
Allgegenwärtiger Tod. Nachzulesen ist das nun in Auszügen aus Maja Beutlers Roman «Fuss fassen» (1980). Lange war ihr Leben überschattet von Krankheit, die sie fünfzehn Jahre verstummen liess, bis sie mit dem Erzählband «Schwarzer Schnee» 2009 ihre «Wiederauferstehung» feierte. Doch der Tod bleibt ihr allgegenwärtig. Die 77-jährige sagt: «Allmählich sind die Toten in meinem Herzen in der Überzahl, sie wohnen dort Wand an Wand mit meinen Kindern und ihren jungen Familien, mit den Freunden und Verwandten.»
Präsent ist auch der vor ihrer Geburt verstorbene Bruder. Die Geschichte ihrer Familie ist eine wichtige Quelle für Maja Beutlers Schreiben. Ihr Vater war ein italienisch-österreichischer Secondo, die Mutter stammte aus einer angesehenen Deutschschweizer Familie. Wohl nicht zufällig wurde Beutler Dolmetscherin, studierte und arbeitete lange im Ausland.
Das Leben als Rohstoff. Bis heute richtet sich der Blick der Berner Autorin auch auf das Weltgeschehen, in der Gegenwart wie in der Vergangenheit: Eine verstörende Geschichte in ihrem ersten Erzählband «Flissingen fehlt auf der Karte» (1976) spiegelt ein deutsches Dorf in der Nazizeit. Und in ihren Radiobeiträgen schaut sie während dreissig Jahren immer wieder über den Rand der Schweiz hinaus, unsere Haltung hinterfragend.
Durchgehend ist auch ihr Interesse für die Situation der Frauen. Satirisch spitzt sie es zu im Roman «Die Wortfalle» (1983) und vor allem in ihrem erfolgreichsten Buch, «Das Bildnis der Dona Quichotte» (1989), aus dem ein umstrittenes Theaterstück wurde.
«Ich gebe dir dein Leben zur Beute»: Diesen Satz des Propheten Jeremias im Alten Testament zitierte Maja Beutler in ihrer Predigt an den Solothurner Literaturtagen 2009. Als «Wortarchitektin», wie sie sich nennt, hat sie aus dem oft rauen Rohstoff ihres Lebens kunstvolle Texte gebaut. Sie wirken durchaus nicht nur traurig oder böse, sondern überglänzt von einer leisen Heiterkeit.
Marie-Louise Zimmermann, Kultour, TT/BO


Jeder, der Maja Beutlers Bücher las, wird seine eigenen Erinnerungen gespeichert haben. «Lesen ist eine schöpferische Tätigkeit wie Schreiben», sagt die Autorin im Gespräch mit der deutsch-amerikanischen Dozentin Gabriele Eckart. Sie denkt dabei an einen Ausspruch Elias Canettis: «Es steht nicht immer dasselbe in einem Text.» Gute Texte sollen daher mehrere Deutungen zulassen. Dabei ist für Maja Beutler das Kürzen «ein entscheidender Vorgang beim Schreiben», denn, «wenn viel Substanz da ist und sie auf kluge Art verknappt wird, bleibt Bewegung zwischen den Zeilen ...» Diese schafft jenen Atemraum, in dem man seine eigenen Lesemuster gestalten kann.
Nicht umsonst sind gerade auch die neuen Texte des anregenden Sammelbandes «Ich lebe schon lange heute» knapp. Auf ein, zwei oder höchstens drei Seiten entwirft Maja Beutler eine Alltagsszene, die oft wie eine Humoreske heranschwirrt, aber nicht ohne ironisch verkappten Tiefgang bleibt. Tante Bertha im Helanca-Kostüm (wann hat man das letzte Mal von dieser einst ultramodernen Textilsorte gehört?), die sich als Goethes leichte Muse gebärdet, oder der Preisträger mit seinem verkleckerten Mantel spazieren durch Geschichten, von leichter Hand hingezaubert. Dagegen schreckt das Gedicht «Morgen früh, wenn Gott will» gründlich auf: «Einmal im Jahr hast du Todestag, / es ängstigt dich nicht, und / du zündest keine Kerze an – / das Datum deines Weltuntergangs / bleibt dir unbekannt.» Eine irritierende Wirkung erzielt auch der Text «Fliegender Wechsel», in dem die Passagiere der Schnellbahn zum «Endbahnhof Dachau» fahren.
«Hoffen ist jetzt eine Arbeit». Was aber bleibt von einem dichterischen Werk? Maja Beutler hält eine lapidare Antwort bereit, die in ihrer Illusionslosigkeit nicht zu überbieten ist: «Staub». Aber «am meisten tut es mir leid um die Figur Pedronis», fügt sie an. Doch gerade Signor Pedroni, der ein reales Vorbild besass und für die Bernerin während ihrer Krebserkrankung zum «Lehrmeister» aufgerückt war, wird kaum in Vergessenheit geraten. Denn wer sich einmal auf die Sätze dieses Mannes mit seiner stillen Noblesse eingelassen hat, wird nur zu gern zu ihnen zurückkehren. Der abgedruckte Passus des Kapitels «Ich lebe schon lange heute, Signora» («Fuss fassen», 1981) mutet wie ein Zwiegespräch zwischen dem lungenkranken Mann und Maja Beutler an. Pedroni erkennt an einem der Behandlungstage, dass die junge Frau nahe davorsteht, sich aufzugeben. «Aber es passt nicht zu Ihnen, Signora», mahnt er sie. Und er wagt den herausfordernden Satz: «Hoffen ist jetzt eine Arbeit.» Der Mann, der bereits seit drei Jahren krank ist und sein Geschäft aufgeben musste, bekennt: «Ich muss mich in die Hand nehmen und sagen, morgen ist noch nicht da, aber heute, das ist deine Angelegenheit, heute willst du ein Mensch sein, heute bleibst du aufrecht, so gut es eben geht ...»
Zarte Passagen. Doch da wütet die Angst. «Klee habe einen Engel gezeichnet, der sich schämte, uns derart allein gelassen zu haben in unserer Angst», überlegt Annemie, als sie noch einmal den «Vergesslichen Engel» anblickt («Die Stunde, da wir fliegen lernen», 1994). Und Pedroni weiss: «Angst, Signora, ja, wir haben alle Angst (...). Sie gehört zum Leben, nicht zur Krankheit.» Die Zartheit dieser Passagen rührt auch heute an; sie entpuppt sich als die Kehrseite jener nüchternen, ungeschminkten Passagen anderer Geschichten. Aber gerade diese Attitüden lassen die Erzählungen glaubwürdig erscheinen. «Falsche Bewegung» etwa, die Skizze der Wohngemeinschaft einer geschiedenen Frau mit Partner und zwei Söhnen, zeichnet präzis die Sprach- und Gefühlswelt in engen Verhältnissen nach.
«Zu Hause», so ist einer der kürzesten Texte aus jüngster Zeit überschrieben. «Aber wo liegt zu Hause?», fragt die 77-jährige Maja Beutler. Die Schläge des Schicksals, die sie trafen, haben vermeintliche Sicherungen gelöst. Es bleiben vielleicht die Luftwurzeln. Und zweifellos das Schreiben, denn der Sammelband, der Rückblicke und Ausblicke zugleich ermöglicht, birgt Verheissungen.
Beatrice Eichmann-Leutenegger, Der Bund



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Zudem erschienen

 
      

Schwarzer Schnee

Erzählungen & Das Album der Signora

Erstausgabe 2009, geb. SU, 13 x 21 cm, 234 Seiten

ISBN 978-3-7296-0782-8, CHF 39.00 / EUR 30.00 > Mehr

 
 
      

Wärchtig

Texte zum neuen Tag

Erstausgabe 1986, 5. Aufl. 1994, Br., 13 x 21 cm, 160 Seiten

ISBN 978-3-7296-0229-8, CHF 30.00 / EUR 23.00 > Mehr

 
 

Beutler Maja

Geb. 1936, arbeitete nach ihrer Ausbildung zur Dolmetscherin im Ausland. Seit vielen Jahren lebt sie als freie Schriftstellerin in Bern. Sie war Mitarbeiterin des Schweizer Radios und schreibt auch für die Bühne.

Homepage
www.majabeutler.ch

E-Mail
maja.beutler(at)hispeed.ch

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