Boxlers Box

Meier-Nobs, Ursula
Der Sakralfleck
Roman
Zytglogge Verlag
Oberhofen 2007

Ursula Meier-Nobs ist 1939 geboren und bisher mit zwei historischen Romanen bekannt geworden: 1998 mit dem Buch "Die Musche - Tochter des Scharfrichters" und 2003 mit "Der Galeerensträfling". Beide Male hat sie sich sehr genau mit den Zeitumständen auseinandergesetzt und Dinge ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt, die wenig bekannt sind.
Ihr neuer Roman spielt vor allem in der Zeit der Französischen Revolution. Die Autorin schildert einerseits das Schicksal eines Mongolen, der mit Suworows Armee nach Mailand zieht und von dort den schicksalshaften Zug über die Alpen mitmacht, und andererseits das Leben eines unehelichen Mädchens, das in einem Mailänder Kloster aufwächst und mitten in den Kriegswirren den Weg nach Luzern findet.
Bator, so heisst der mongolische Junge, der ein Leben als Hüterjunge fristet, sich in eine Cousine verliebt und in einem überaus harten Schneewinter als einziger der Sippe überlebt. Die Autorin greift aber wesentlich weiter aus. Sie schildert das Leben der mongolischen Nomaden und kennt sich offensichtlich im Brauchtum dieses Volkes bestens aus.

Ein Beispiel:
Bator kehrt aus dem buddhistischen Kloster zurück. Telema, in die er noch immer verliebt ist und die sein braunes Pferd während seiner Abwesenheit gehütet hat, sollte unterdessen mit einem Mann aus einer andern Sippe verheiratet werden. Bators Vater erzählt, wie es bei der Hochzeit zu und her ging:
S. 76 Telema isst von der Hammelspeise, was bedeutet, dass sie den Auserwählten zurückweist.
Die Autorin schildert das Leben in der Jurte, den Umgang mit Tieren und die Arbeiten, die von den Männern, Frauen und Kindern zu leisten sind. Mit ihren Einblicken ins Schamanentum entführt sie die Lesenden in eine geistige Welt, die wir als rationale Westler allzu schnell als Aberglauben abtun möchten.
Mit einem harten Schnitt leitet Ursula Meier-Nobs von der Mongolei, in der die Sippe viel Verständnis für die Kinder aufbringt, zum Schicksal verstossener Kinder in Europa über. Eines Tages wird in der Pia Casa in Mailand ein kleines Kind in die Lade des Klosters gelegt mit dem Hinweis, man möge es auf den Namen Julia taufen. Das kleine Mädchen teilt das Schicksal vieler anderer verlassener Kinder, die häufig als Säuglinge in den Torno, eine Art Babyklappe der Pia Casa, gesteckt werden. Sie alle erhalten als zweiten Namen jenen des Klosters, nämlich Katharina. So rasch wie möglich werden für die Kinder Ammen gesucht, die auf diese Weise zu einem kleinen Zusatzverdienst kommen. Sind die Kinder grösser, werden sie an Interessenten abgegeben, die sie nur allzu gern als billige Dienstmägde und Knechte, zum Teil auch als Spazzacamini einsetzen. Der Name Catarina wird zum Synonym für Magd und Findelkind.
Giulia hat Glück. Sie kommt zu einem kinderlosen Schusterehepaar. Diese halten das Kind wie ihr eigenes. Babbo und Mammina werden sie von Giulia zärtlich genannt. Zweimal wird sie jedes Jahr sorgfältig zurecht gemacht, um im Kloster vorgeführt zu werden. Dort erhalten die Pflegeeltern für das Kind Kleider und eine Entschädigung. Dort erfährt Giulia aber auch von einem Jungen, dass Mammina und Babbo nicht ihre wirklichen Eltern seien. Als ein Seuchenzug beide Eltern dahinrafft, wird Giulia ins Kloster zurückgebracht.
Mit Akribie schildert die Autorin die Institution der Pia Casa, die einerseits in der Aufnahme von verlassenen oder verstossenen Kindern ihre grossen Verdienste hat, auf der andern Seite aber die Kinder auch in äusserst strenger Zucht hält. Im Alter von 15, 16 Jahren werden die Mädchen öfters mit geizigen Männern verkuppelt, die sich auf diese Weise eine billige Dienstmagd oder Pflegerin, nicht selten einfach junges Fleisch für ihre Gelüste verschaffen. Der Weg der anstelligen Giulia hingegen - so verfügen es die Nonnen - soll ins Kloster führen.
Es liegt auf der Hand, dass sich Giulia und Bator irgendwann begegnen müssen. Nachdem der Mongole seine ganze Familie verloren hat, tritt er in den Dienst General Suworows. Mit der Begegnung zwischen Julia und Bator beginnt nicht nur eine Liebesromanze, sondern auch die bekannte Geschichte von Suworows entbehrungsreichem Zug über die Alpen im Jahr 1799, der von der Autorin anschaulich und detailreich geschildert wird. Es sei noch so viel verraten, dass Julia von ihren Verwandten aus Mailand nach Luzern zurückgeholt wird und dass sich Bator und Julia im Kloster im Muotatal für eine kurze Nacht wieder sehen.
Die Autorin berichtet alle Geschehnisse aus der Ich-Perspektive der jeweils handelnden Person. Für die Lesenden ist das kein Problem, weil die jeweilige Kapitelüberschrift die Person klar definiert, von der gerade die Rede ist. Ursula Meier-Nobs besitzt nicht nur gute Sachkenntnisse. Es gelingen ihr auch immer wieder eindrückliche und einfühlsame Schilderungen von Situationen aus dem Leben der beiden Protagonisten Giulia und Bator. Kummer und Freude halten sich die Waage, und so endet der Roman auch nicht mit einem allzu billigen Happy-End.
Ich kann diesen eindrücklichen, lebendig erzählten Roman nicht nur den historisch Interessierten bestens empfehlen. Das Leben der nomadisierenden Mongolen unterscheidet sich noch heute nur graduell von jenem, das die Autorin schildert. Während aber dort die Kindern in die Sippe eingebettet sind, überlässt man im Europa des 18. Jahrhunderts uneheliche und unerwünschte Kinder nur zu gern dem Kloster. Wenn es darum geht, den Fehltritt eines Mitglieds aus vornehmer Familie zu vertuschen, findet die Kinderliebe ein rasches Ende.
Der Roman lässt sich auch als Entwicklungsroman eines Knaben und eines Mädchens aus zwei verschiedenen Kulturen lesen. Er sei all jenen Leuten empfohlen, die die Wechselhaftigkeit des Glücks kennen und die wissen, dass Liebesfreude und Liebesleid aus dem menschlichen Leben nicht wegzudenken sind.

Feldmeilen, 21. Januar 2008

  

 

 

   
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