| |
Boxlers Box
Beutler, Maja
Schwarzer Schnee
Erzählungen & Das Album der Signora
Zytglogge Verlag Oberhofen 2009
In 11 knappen Texten erfahren die Lesenden einiges aus dem Leben der Signora. Diese Geschichten bilden den Grundraster für weitere 11 Erzählungen. Am Schluss stirbt die Signora im Traum. Eine Leiche fehlt, aber aus ihren Betttüchern schält sich ein Neugeborenes mit spitzer Mundpartie und Bauchwulst heraus:
"Die Signora erkannte ihren Schmerbauch. Wie sie das Neugeborene überhaupt an all ihren Mängeln erkannt hatte. Sie stellte es nicht ohne Verwunderung fest, nein, mit Belustigung konstatierte sie: "Das also bleibt." Ruth, die hinter ihr stand, ärgerte sich: "Den bösen Blick erträgt kein Kind.
"Böser Blick? Die Signora hatte das Kind doch ohne jeden Widerwillen betrachtet. Allerdings auch ohne Erbarmen. Hiess das nicht eher, "den Tatsachen ins Auge sehen"? Die Signora wandte sich fragend um. Als sie das vertraute Gesicht der Freundin sah, spürte sie den Missklang selbst. Ein warmes Gefühl durchrieselte sie. Das passende Wort dafür wollte ihr nicht einfallen." 220
Die Signora hofft also auf einen Neubeginn. Das Neugeborene ist der Beweis dafür, dass das Leben weitergeht. Sie schaut den Tatsachen ins Auge, ohne Widerwillen, aber auch ohne Erbarmen. Gleiches gilt für die Erzählungen der Autorin. Sie hat Texte geschaffen, in denen sie den Tatsachen ins Auge schaut. Sie reflektiert Erfahrungen aus dem Leben der Menschen sachlich, ohne Widerwillen. Aber auch ohne Rührseligkeit. Verwundert, ja mit Belustigung stellt sie fest, was am Ende bleibt.
Ein lustiges Buch kann man die Sammlung von 22 Geschichten trotzdem nicht nennen. Zu oft geht es um Krankheit, um geistigen und körperlichen Zerfall, um Sterben und Tod oder um Spannungen in Familie und Ehe. Wir blicken ins Spitalzimmer krebskranker Kinder, wo die Vorfreude auf die Fernsehsendungen Babar und Pingu hart kontrastiert mit dem kahlen Kopf der aufgeweckten Monica und dem niederschmetternden Bericht für Marco. Wir lernen Verletzungen kennen, die der Krieg in den Menschen hinterlassen hat. Es gibt aber auch die bedrückende Leere, die sich bei alternden Menschen einstellen kann, wenn die Kinder ausgeflogen sind. Realistisch und glaubwürdig schildert die Autorin solche Situationen. Ungeschminkt werden Konflikte zwischen Partnern wiedergegeben oder angedeutet. Wenn die Enkelin der Nonna beiläufig erzählt, dass sich die Eltern nachts oft streiten, sind die Lesenden im Bild. Jedes weitere Wort erübrigt sich.
Manchmal zeichnet sich vor düsterem Hintergrund auch Positives ab. Um keinen Preis will ein Mann seine Frau in ihren letzten Tagen im Spital zurücklassen. Er organisiert alles generalstabsmässig, damit sie zu Hause sterben kann und nie allein ist. Er nimmt das romantisch-sentimentale Gehabe der Tochter, das kindliche Verhalten des Sohnes oder das Verhalten der Schwiegermutter in Kauf, obwohl sie ihm zuwider sind. Es zeigt sich, dass nach dem Tod von Angehörigen die guten Zeiten, die man zusammen verbracht hat, plötzlich sehr bewusst werden. Die mühsamen und schmerzhaften Zeiten sind hingegen rasch vergessen. Schon zwei Wochen nach dem Tod des dementen Mannes holt seine Frau sein Porträt aus der Schublade hervor.
Einige Texte sind erfrischend ironisch. Im "Sommerlochstraum" soll eine Gastregisseurin ein Theater durchführen. Aber der Bühnenbildner verhält sich abwehrend. Er sieht Arbeit auf sich zukommen. Geschickt lenkt ihn die Regisseurin so, dass sie von seinen Äusserungen profitieren kann. Feine Ironie liegt auch über der Geschichte "Abzählvers".
Die Nonna ist mit den beiden Enkelkindern allein:
S. 50 Enkelin: Es ist niemand zu Hause. Und zur Nonna: Sie rufen an, wenn jemand da ist
Der Grundton der Erzählungen ist in der Regel verhalten und regt zum Nachdenken an. Die Sprache in den Dialogen ist stimmig, sofern ein Vater nicht gerade seine Tochter lieblos bei den Grosseltern "deponieren" möchte oder der Nonno fragt, ob ein 2-jähriges Kind Puderzucker "fresse" (127f.). Ein Cornet "verputzen" statt "verschlingen" mag im Dialog authentisch klingen. Im Erzähltext befremdet das Berner Mundartwort. In einzelnen Texten greift die Autorin so viele Motive auf, dass sich die Lesenden darin zu verlieren drohen. Eine Straffung hätte diese Geschichten gezielter auf einen Punkt gebracht. Neben solchen Vorbehalten überzeugt jedoch der Grossteil der Erzählungen durch genau beobachtete Fakten und nachvollziehbare Verhaltensweisen der geschilderten Personen.
Dem Geschichtenband ist ein Nachwort von Daniel Rothenbühler beigefügt, welcher das Schaffen der Autorin seit ihren ersten Büchern würdigt. Maja Beutler wurde 1936 geboren. Sie arbeitete als Dolmetscherin in Frankreich, England und Italien. Bekannt wurde sie einerseits durch Bücher wie z.B. "Fuss fassen "(1980) oder "Die Stunde, da wir fliegen lernten "(1983), aber auch dank ihren Morgengeschichten am Radio. Ihre Theaterstücke wurden vom Städtebundtheater Biel/Solothurn, vom Stadttheater Bern und am Schauspielhaus Zürich aufgeführt, zuletzt "Lady Macbeth wäscht sich die Hände nicht mehr "1994.
Feldmeilen, 1.3.2009
|