So unverdächtig,wie Catherine meint,ist sie nicht.Man bemerkt ihr Kommen und Gehen, nimmt zur Kenntnis,wer ihre Freunde sind und hält überhaupt ein Auge auf diese Frau,die Bern schon mehrmals vor den Kopf stiess. War es nicht diese Catherine von Wattenwyl,die sich einst duel- lierte?Bei einem Reiterkunststück die Männer ausstach?Als junge Dame Hof hielt wie eine Königin? Gibt es nicht ein Porträt von ihr mit wallendem Haar,den Ober- körper in Männerrüstung gepresst,die Hand keck in die Seite gestützt?

Und mehr als das.Man erzählt sich Dinge hinter vorgehaltener Hand,so schreckliche Dinge,dass man sie Catherine nicht zutraut. Sollten diese Gerüchte wahr sein, dann Gnade Gott,Catherine,dies- mal wirst du nicht schlüpfen.

 

 

 
 

Geblendet vom Glanz des Sonnenkönigs
Eine Verhaftung wirbelte Ende 17.Jahrhundert viel Staub auf:Die Berner Adlige Catherine von Wattenwyl wurde als Spionin des Franzosenkönigs Louis XIV festgenommen.Der folgende Prozess rückte das Leben einer Frau ins Zentrum, die sich nie an die Vorgaben ihrer Zeit hielt. Früh schon verlor Catherine ihre Eltern.Das Mädchen interessierte sich mehr für Pistolen als für Puppen und Nähzeug und hätte liebend gern wie ihre Brüder eine Karriere im französischen Heer angetreten. Auch als junge Frau erregte Catherine Aufsehen:Sie duellierte sich, ritt besser als viele Männer,stand einem Schattenhof vor und mischte sich in die Politik ein. Mit diesem unweiblichen Verhalten fiel sie ihrer Familie zur Last. Catherine wurde ein erstes Mal verheiratet,unter ihrem Stand,mit einem jungen Pfarrer.Die erzwungene Ehe vermochte sie nicht zu brechen; wider Erwarten fand sie auf dem Land sogar etwas wie ein bescheidenes Glück.Aber der Mann starb an einer Seuche,und als junge Witwe kehrte sie nach Bern zurück. Die zweite Ehe war passender: Samuel Perregaux,Gerichtsschreiber aus Neuenburg,teilte ihre Leidenschaft für den Sonnenkönig. Nur reichten seine Mittel für eine angemessene Erziehung des einzigen Sohnes nicht aus.Catherine nutzte deshalb ihre Beziehungen zu den besten Familien Berns und verdingte sich als Informantin des französischen Botschafters.Sie war nicht allein in diesem kühnen Vorhaben;höchste Staatsträger unterstützten sie. Die vielen Hugenottenflüchtlinge,die nach Bern strömten, drehten indes die Stimmung gegen Frankreich,und Catherine von Wattenwyl wurde verraten.Nun war sie doch allein – inhaftiert im Käfigturm,gefoltert,gedemütigt, vom Tod bedroht. Die handschriftlichen Memoiren dieser mutigen Frau dienten Therese Bichsel – zusammen mit vielen anderen Dokumenten – als Grundlage für ein grossartiges Epochengemälde.Die Autorin erzählt das ausserordentliche Leben Catherines spannend,in einer dichten,bilderreichen Sprache. Zeitlos interessant ist Catherine von Wattenwyl als Frau,die nicht das Leben leben kann,das ihren Anlagen und ihrem innersten Wesen entspricht.Ähnlich wie andere Frauen,die sich über die Regeln ihres Geschlechts und ihrer Zeit hinweggesetzt haben,muss sie scheitern. Aufwühlend und berührend sind die Widersprüche in der Figur selbst:In Därstetten scheint Catherine plötzlich im traditionellen Leben einer Frau,die sich um Mann, Haus und Garten sorgt,aufzugehen.Die erzwungene Heirat er- scheint fast glücklich.Aber in diesen Jahren lässt sie auch das kriegerische Porträt von sich malen – die zahme Pfarrfrau mit wallender Mähne und Brustpanzer,eine Hand über dem Helm,die andere in die Hüfte gestützt
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  Lektorat: Hugo Ramseyer