Der Volksheld aus dem Knast
Am 13.April 1981 teilt der Häftling Walter Stürm der Leitung der Strafanstalt Regensdorf mit, er sei ‹beim Ostereiersuchen ›.Er hat die süffisante Notiz auf seinem Bett deponiert, bevor er zwischen den zersägten Gitterstäben seines Zellenfensters hindurchklettert und flieht. Am nächsten Morgen bleibt Direktor Bernhard Conrad nur mehr übrig zu bilanzieren, dass Stürm in seiner Amtszeit schon zum dritten Mal entwichen ist.Stürm wird damit zum wohl ungewöhnlichsten Volkshelden der Schweizer Geschichte. Die 80er-Revolte ist damals noch voll im Gang.Stürms Tonfall trifft genau den Zeitgeist.Die Leute bewundern seinen frivolen Ungehorsam. Mehr noch:Sie adeln ihn.Die Abenteuer des ‹Ausbrecherkönigs › sind in aller Munde.Der Beifall der Jugendbewegung ist ihm längst gewiss.Plötz- lich aber fliegen ihm,der dem Staat so furchtlos die Stirne bietet,auch die Herzen von überführten Parksündern und unwilligen Steuerzahlern zu.Er wird zur Identifikationsfigur des kleinen Mannes. Aus Walter Stürm,dem gelernten Karosseriespengler,dem rechtskräftig verurteilten Bankräuber, ist ein Rebell geworden.Ein Vorbild jener schweigenden Masse,die sich in einem immerwährenden Kampf gegen einen scheinbar übermächtigen Staatsapparat wähnt.Wer aber war Walter Stürm? Warum wurde gerade er so berühmt?Und wie ist es zu seinem kometenhaften Aufstieg gekommen?

 

 

 
 

Reto Kohler rekonstruiert ausführlich und kompetent den einzigartigen Lebensweg von Walter Stürm. Kohler hat mit zahlreichen Zeitzeugen gesprochen,die Stürm entweder persönlich gekannt oder ihn politisch unterstützt haben.Fünf Jahre nach Stürms tragischem Suizid melden sich Angehörige, Jugendfreunde,Komplizen,Geliebte, Anwälte, politische Kampf- genossen, Knastaktivisten, Anstaltsdirektoren, behandelnde Ärzte und Psychiater zu Wort. Kohler erhielt zudem Einsicht in amtliche Dokumente und Briefwechsel,die der Öffentlichkeit bisher nicht zugänglich waren. All diese Zeugnisse ermöglichen ein neues,vielschichtiges und interessantes Bild von Walter Stürm.

Stürm war bei Menschen unterschiedlichster Herkunft beliebt. Den stärksten Einfluss aber übte er fraglos auf die linke Szene aus. Dies,obwohl der Sprössling einer Ostschweizer Industriellendynastie zeit seines Lebens ein bekennender Autonarr war, der aus seinen kleinbürgerlichen Neigungen nie einen Hehl gemacht hat.Freunde, vor allem Frauen, versuchte er mit Geld und grosszügigen Geschenken zu beeindrucken. Die Kultur der Jugendbewegung sagte ihm nichts. Die Musik von Harry Belafonte war ihm lieber als jene von Miles Davis. Und wehe,wenn ihm,dem bekennenden Autodieb, auch nur eine Radkappe gestohlen wurde. Dann wich die sozialkritische Maske des Ausbrecherkönigs sofort einer grenzenlosen Wut über die gesetzlosen Gesellen, die es wagten, ihm so etwas anzutun.Dessen ungeachtet feierten Politaktivisten ihn lange als Ikone des Widerstandes. Stürm unterhielt zur Linken ein komplexes Beziehungsnetz,das geprägt war von unterschiedlichen, gegenseitigen Abhängigkeiten. Ein Anliegen des Autors ist es,die Anatomie dieser Symbiose offen zu legen.Die Geschichte des Ausbrecherkönigs ist deshalb auch ein Porträt der linken Polit- und Medienlandschaft der Schweiz in den siebziger und achtziger Jahren. Erst später wird Stürm Freunden erzählen, dass er sich von der marxistischen Linken missbraucht fühle.War dem tatsächlich so? Oder war es nicht vielmehr er selber,der die Linke als Fürsprecher im Kampf um seine eigenen Haftbedingungen missbraucht hat? Der Frontverlauf zwischen diesen beiden Möglichkeiten ist unwegsam.Vorschnelle Schuldzuweisungen greifen zu kurz.Kohlers Analyse zeigt aber,dass das Verhältnis zwischen Walter Stürm und der Linken von fundamentalen Missverständnissen geprägt war.

 
  Lektorat: Bettina Kaelin.